Regenschauer

Ich staune über mich selbst, schaue zurück, schaue auf das Jetzt und frage mich, wie ich das alles geschafft habe, wann ich die vielen Schritte gegangen bin, wo ich die Grenze passiert habe. Habe ich das alles nur geträumt? Die Wanderung war so lang, so schwer, so viele Tiefen, so viele Anhöhen, so viele Abstiege. Und ich bin kein bisschen müde.

Ein klitzekleiner, ewig dauernder Moment des Glücks regnet auf mich herunter.

Ich freue mich, bin stolz, klopfe mir mit einem Grinsen auf beide Schultern, stelle mir schnell noch ein kleines Zwischenzeugnis aus, rolle es fest zusammen und stecke es in meinen Rucksack. Und laufe wieder weiter. Auf zur nächsten Etappe, auf zu neuen Abenteuern und einem neuen, wie immer unbekannten, Ziel.

Regenschauer

Frederick

Es wurde Herbst auf dem Mohnblumenfeld. Die Feldmäuse waren emsig und eifrig. Sie sammelten Nüsschen, Getreidekörner, Sonnenblumenkerne und viele andere Leckereien zusammen. Sie wollten sich einen großen Vorrat anlegen, damit sie im kalten Winter nicht verhungerten. Sie sammelten auch weiches Moos und gut duftendes Heu aus Bauers Scheune, um es weich und warm zu haben.

Frederick saß den ganzen Tag an seinem Lieblingsplatz auf einem kleinen Stein. Der hatte eine Mulde, in die er sich wunderbar reinlegen konnte. Dort schien ihm die Sonne direkt auf dem Bauch. Dort flogen die Vögel singend durch die Lüfte und der Wind trug den Duft von frischem Obst bis an seine Nase heran. Seinen Mäusefreunden gefiel das nicht: „Frederick, warum hilfst Du nicht Vorräte sammeln? Warum hilfst du nicht Moos suchen? Warum hilfst du nicht Heu aus Bauers Scheune tragen?“

Frederick antwortete: „Aber ich sammle doch. Ich sammle Sonnenstrahlen, die vom Himmel fallen. Ich sammle Lieder, die die Vögel singen. Ich sammle Geschichten, die der Wind erzählt.“

„Frederick, können Sonnenstrahlen unsere Bäuche füllen? Können Lieder und Geschichten unsere Pfötchen, Nasen und Ohren warm halten? So hilfst du uns nicht. Du bist und bleibst eine faule Maus. Wirst schon sehn. Der kalte Winter wird dir seine Lektion erteilen!“ Und so machten sich die Mäuse wieder an die Arbeit, sammelten und suchten. Nur Frederick nicht. Der lag in seiner Mulde auf seinem Stein und genoss die letzten Herbstsonnenstrahlen.

Die Tage vergingen. Die Blätter vielen von den Bäumen und es dauerte nicht lange, da kam der erste Frost. Die Mäuse hatten sich in ihren Bau zurückgezogen. Sie hatten es warm und weich. Ihre Bäuche waren stets gefüllt. Doch glücklich waren sie nicht. Ihnen fehlte der Frühling. Ihnen fehlte der Sommer. So dunkel, so kalt, so lang war der Winter. Und noch so viele Tage sollte es dauern, bis sie endlich aus ihrem Bau kriechen konnten. Die Sehnsucht nach den warmen, hellen Jahreszeiten wurde so groß. Sie mussten weinen.

Bis auf eine Maus. Frederick kroch aus seiner harten, kalten Ecke im Mäusebau − er hatte ja kein Moos gesammelt. Sein Bauch war ganz leer und flau − er hatte ja keine Vorräte gesammelt. Er setzte sich zu seinen Mäusefreunden und begann zu erzählen. Er erzählte von den Sonnenstrahlen. Wie warm und wohlig sie sich auf dem Fell anfühlen. Er sang die Lieder der Vögel. Er erzählte die Geschichten des Windes. Den Mäusen wurde warm ums Herz. Den ganzen Winter blieben sie beieinander sitzen und lauschten Frederick. Und als Frederick seine letzte Geschichte erzählt hatte, war der Winter schon vorbei.

Die Vögel waren zurückgekehrt, die Sonne schien und die Mohnblumen öffneten ihre Knospen. Der Frühling war zurückgekehrt. Und weil Frederick die Sonnenstrahlen, die Lieder und die Geschichten gesammelt hatte, kam der Frühling schneller als jemals zuvor. Zumindest dachten das seine Mäusefreunde.

Wie gut das Frederick so fleißig gesammelt hatte.

Frederick

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann H.

Stufen

Wollen sollen und Willen wollen

Zu einem selbstbestimmten, freien Leben mit eigenen klaren Zielen, gehört der Wille als Motor dazu. So wie die Hefe zum Zopf und der Zucker zur Watte. Ohne Wille kein Ziel, ohne Wollen kein Vorankommen.

Doch Vielen kommt der Wille schon früh abhanden. Durch Diebstahl, durch jahreslanges Abtrainieren oder schnelles Brechen – meist durch Außenstehende. Meist erhält man ersatzweise einen fremden Willen, der ein Leben lang als schlecht sitzendes Accessoire getragen wird. Und dann steht man da und soll Wollen, soll Ziele definieren und die richtigen Wege gehen. Doch ohne echten, eigenen Willen keine selbst gesteckten Ziele, ohne Wollen kein Vorankommen.

Es braucht sehr viel Zeit den eigenen Willen wieder aufzusuchen oder einen neuen, noch stärkeren aufzubauen. Doch erst dann haben wir wieder die Möglichkeit, ein Leben in Eigenregie zu führen, unseren ganz eigenen Weg zu gehen, unsere eigenen Ziele zu definieren.

So wäre es doch viel besser, damit früher anzufangen. Bei unseren Kindern, unseren Nichten und Neffen und all den anderen wundervollen kleinen Personen, die irgendwann zu freien und frei denkenden Erwachsenen werden.

Ich finde wir sollten das wollen.

Wollen sollen und Willen wollen